CfP – Arbeitsrhythmus und Anstaltsalltag. Arbeit als Therapie in psychiatrischen Anstalten der Weimarer Zeit

Herrmann Simon (1867-1947)

Institut für Geschichte und Ethik der Medizin Hamburg; in Kooperation mit dem Bereich Ethik und Theorie der Medizin der Universität Magdeburg

11.04.2013-12.04.2013, Hamburg

Deadline: 15.12.2012

In der Weimarer Reichsverfassung von 1919 wurde festgehalten, dass “[j]eder Deutsche [...] unbeschadet seiner persönlichen Freiheit die sittliche Pflicht [hat], seine geistigen und körperlichen Kräfte so zu betätigen, wie es das Wohl der Gesamtheit erfordert”. Im Kontext der modernen Industriegesellschaft und des auf Erwerbsarbeit basierenden Weimarer Sozialstaates wurde Arbeit zur staatsbürgerlichen Pflicht erklärt. Die Wiederherstellung der Arbeitskraft schien sich diesem Grundsatz folgend zu einer medizinischen Leitidee zu entwickeln (Walter 1996), der die Psychiatrie mit der Ausweitung arbeitstherapeutischer Maßnahmen nachzukommen versuchte. Konzepte wie die “aktivere Krankenbehandlung” (Simon 1929) und die “Familienpflege” hatten unter anderem das Ziel, die Arbeitsfähigkeit der PatientInnen zu verbessern, um ihnen die als notwendig erachtete Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. Beide Therapien beruhten auf dem Ansatz, dass Arbeit die “beste Medizin” und das “universellste Erziehungsmittel” (Meltzer 1927) darstelle. PatientInnen wurden auf dem Anstaltsgelände oder in einer Pflegefamilie für Arbeiten, vorzugsweise im landwirtschaftlichen, handwerklichen oder häuslichen Bereich, herangezogen. Darüber hinaus hatten arbeitstherapeutische Maßnahmen auch einen ökonomischen Zweck: Über die von den PatientInnen erbrachten Arbeitsleistungen sollten sich die staatlichen Ausgaben für den Anstaltsbetrieb minimieren.

Diese Trendwende in der Behandlung psychisch Kranker war jedoch keineswegs unumstritten. Ebenso wenig stellte sie ein Novum dar. Die Vorstellung, dass Arbeit und Beschäftigung sich therapeutisch nutzen lassen, existierte bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert. Und auch in der NS-Zeit stellte das Kriterium der Arbeitsfähigkeit das entscheidende Selektionskriterium der systematischen Massenvernichtungsaktionen dar.

Aber in Anbetracht der wirtschaftlichen und (sozial-)politischen Verhältnisse der Weimarer Zeit erhielt die Arbeitstherapie in den 1920er Jahren eine neue Qualität: Denn innenpolitische Machtkämpfe in den Anfangsjahren der Republik, Reformen im Sozial- und Arbeitsrecht, Inflation, Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise machten vor den Anstaltstoren nicht halt und hinterließen ihre Spuren im Alltag psychiatrischer Institutionen, im Denken und Handeln der Pflegekräfte und ÄrztInnen, in den Wahrnehmungen und Äußerungen der PatientInnen.

Ziel der Tagung ist es,

(1.) das Ineinandergreifen von ökonomischen und (sozial-) politischen Gegebenheiten, therapeutischen Zielsetzungen und kulturellen Deutungsmustern am Beispiel der Arbeitstherapie in der Weimarer Zeit zu beleuchten und

(2.) nach den Manifestationen dieser Verschränkungen im Alltag psychiatrischer Anstalten und ihrer AkteurInnen (PflegerInnen, PatientInnen, ÄrztInnen etc.) zu fragen.

Darüber hinaus soll auch der strukturelle Wandel der Anstalten hinsichtlich der dortigen Produktionsstätten in der Zeit von Kaiserreich bis in die Zeit des Nationalsozialismus erfasst und erörtert werden.

Folgende Themenblöcke umreißen die inhaltliche Ausrichtung der Tagung und sollen Anregungen für die eigene Beitragsgestaltung geben:

- “Arbeit und ‘Gesundheit’”

- “Arbeitsleistung und neue Therapieziele”

- “Arbeit und Differenzierung der Anstalten”

- “Arbeitsstrukturen und Anstaltsalltag”

- “Produktionsstätten, Markt und Warenwelt”

- “Arbeit und ‘Nicht-Arbeit’”

Einreichung der Abstracts: Die Abstracts sollten eine inhaltliche Zusammenfassung, die Fragestellung sowie Angaben zu den verwendeten Quellen enthalten und einen Umfang von 1 bis max. 2 Seiten nicht überschreiten. Den Abstract richten Sie bitte mit einem kurzen CV bis zum 15. Dezember 2012 an m.ankele@uke.de. Erwünscht sind neben Beiträgen aus der Psychiatriegeschichte dezidiert auch Beiträge aus den Bereichen der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie den Kulturwissenschaften, die sich dem Thema “Arbeit” bzw. der Zeit der Weimarer Republik widmen.

 

Die Tagung findet im Rahmen des DFG-Projektes “‘Familienpflege’ und

‘aktivere Krankenbehandlung’: Eine multiperspektivische Betrachtung der

Arbeitstherapie im Alltag psychiatrischer Anstalten der 1920er Jahre” am

11. und 12. April 2013 (Do/Fr) in Hamburg statt. Reise- und Übernachtungskosten können (im üblichen Rahmen) von den VeranstalterInnen übernommen werden.

 

Organisation:

Dr. Monika Ankele

Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach

Zentrum für Psychosoziale Medizin / Institut für Geschichte und Ethik der Medizin Martinistraße 52 / D-20246 Hamburg

In Kooperation mit Prof. Dr. Eva Brinkschulte

Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin

Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg

Leipzigerstr. 44 / D-39120 Magdeburg

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