CfP Wahnsinn und Methode: Notieren, Ordnen, Schreiben in der Psychiatrie

Workshop der DFG-FG Kulturen des Wahnsinns. Schwellenphänomene der urbanen Moderne (1870-1930)

Der Workshop soll der Diskussion eines methodischen Aspekts der Psychiatrie gewidmet sein, der seit dem 19. Jahrhundert maßgeblich die Arbeit in Klinik und Forschung geprägt hat. Er schlägt vor, die Methoden der Psychiatrie anhand der Verfahren des Notierens, Ordnens und Schreibens in den Blick zu nehmen. Denn Notieren, Ordnen und Schreiben spielen für die Beobachtung der Symptome, bei der Untersuchung des Patienten oder für die Klassifikation der Krankheiten eine zentrale Rolle: Sie sind Kern einer psychiatrischen Methodenlehre, konstituieren psychiatrische Erkenntnisobjekte und strukturieren nicht zuletzt auch den Alltag in der Klinik.

Seit dem 19. Jahrhundert setzte sich in psychiatrischen Kliniken die patientenbezogene Dokumentation durch. Das Aufschreibeverfahren der Ärzte wurde aus der Registratur ausgegliedert, die hauptsächlich zu Verwaltungszwecken diente. Die neue Dokumentation in Form einer Krankenakte besaß die offene Struktur eines Hefts, einer Blattsammlung oder eines Albums. Zwar forderte die Verwaltung weiterhin eine Protokollierung bestimmter Daten, aber sie diktierte nicht mehr Art und Umfang des Eintrags. Vielmehr konnten zwischen den Deckeln einer Akte Schriftstücke und Objekte verschiedener Art versammelt werden. Ungeachtet der Versuche zur Normierung wurden die Akten zu heterogenen Dossiers, die „Notate, Protokolle, Äußerungen und Materialien allein aufgrund ihres Bezugs zum Patienten“ (Volker Hess) vereinigten.

Die Psychiatrie entwickelte aus dem Aufschreibeverfahren der Ärzte im Zuge ihrer Verwissenschaftlichung und Ausdifferenzierung allmählich ein komplexes eigenständiges Aufschreibesystem, das neben den Krankenakten auch Stations-, Medikations-, Labor-, Diagnose-, Gutachtenbücher der Kliniken umfasste und sich so bis weit in die Infrastruktur der Klinik, die Publikationskultur der Disziplin, aber auch den juristischen und gesellschaftlichen Umgang mit psychischen Störungen hinein verzweigte. Die überlieferten Elemente dieses Aufschreibesystems bieten die Chance für einen neuen Blick auf die Prozessualität psychiatrischer Klinik und Forschung. Anhand der Verfahren des Notierens, Ordnens und Schreibens kann nicht nur die Entwicklung psychiatrischer Aufzeichnungspraktiken und Notationsweisen nachgezeichnet, sondern auch verfolgt werden, wie die psychiatrischen Methoden zugleich ein Wissen formieren, eine Machtkonstellation errichten und eine Ontologie des Wahnsinns herstellen. Nicht zuletzt dokumentieren Notieren, Ordnen und Schreiben eine Eigenlogik des Beobachtens, Sammelns, Protokollierens, Begutachtens und Interpretierens. So wirken etwa Schreibszenen auf die Äußerungen der Patienten zurück und reizen Phänomene an, die wiederum aufgezeichnet werden. Die psychiatrischen Methoden lösen insgesamt eine Dynamik aus, welche die Nosologien wieder in Frage stellt, gefundene Differenzierungen permanent über sich hinaus treibt und Klinik und Forschung zu einem unabschließbaren Projekt geraten lässt.

Der Workshop soll psychiatrie- und medizingeschichtliche mit medien- und kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten verknüpfen. Mögliche Fragen und Themen des Workshops betreffen unter anderem:

– Genese und Eigenart des psychiatrischen Aufschreibesystems. Wie ist das moderne psychiatrische Aufschreibesystem entstanden? Und wie wurde es organisiert – etwa im Unterschied zum Aufschreibesystem des Rechts oder der Verwaltung? Resultiert seine Eigenart aus einer spezifischen Organisationsweise? Kann die Eigenart an den psychiatrischen Archiven, den Techniken des Notierens und Protokollierens, der Aktenführungen oder der Auswertung der Krankenakten festgemacht werden und welche Ausdifferenzierungen des psychiatrischen Aufzeichnungssystems haben seine Eigenart weiter befestigt?

– Methode des Schreibens. Wie hat das Aufschreibesystem die „Methode der psychiatrischen Beobachtung“ (Robert Sommer) angeleitet, geprägt und transformiert? Wie wurden subjektive Krankheitsschilderungen aus der Sicht der Patienten und fachlicher Expertise unterschieden? Wie, wann und wozu wurden die Beobachtungen ausgewertet und transkribiert? Was wurde dokumentiert, was hingegen ausgeschlossen? Woran orientierte sich die Dokumentation? Wie wurden Anamnese, Verlauf und Ausgang dargestellt? Welche Umstände, Vorfälle oder Ereignisse forderten und fanden Eingang in die Akte?

– Epistemologische Effekte. Wie treibt das Aufschreibesystem die Professionalisierung und Ausdifferenzierung der Psychiatrie an? Wie vermittelt das Aufschreibesystem zwischen der materiellen und der begrifflichen Seite der Psychiatrie? Wie steuert das Aufschreibesystem die Logik einer kasuistisch basierten Wissensproduktion? Welche methodischen Operationen sind welchen epistemologischen und persuasiven Effekten vorgängig?

– Störfälle und Paradoxien des Aufschreibesystems. Welche Rückwirkungen auf die Psychiatrie erzeugen das Notieren, Ordnen und Schreiben? Wie werden Rolle und Funktionen des Aufschreibesystems in der Psychiatrie beobachtet? Welche Wege führen in der Psychiatrie zu einer Beobachtung zweiter Ordnung und Beschreibung der Paradoxien und Störfälle, die durch das Aufschreibesystem produziert werden?

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