Charité – Wie die Medizingeschichte das deutsche Serienprogramm erobert. Und die „Irren“ vorerst aussperrt.

Charite - Die SerieGestern Abend war es wieder soweit: Die ARD strahlte einen weiteren Teil der medizinhistorischen Miniserie Charité aus. Es geht darin um die Berliner Institution der Charité zum wohl prestigeträchtigsten Zeitpunkt in der Geschichte des Krankenhauses. Die Zeitreise führt ins 19. Jahrhundert, in das Dreikaiserjahr 1888. Im Mittelpunkt des Narrativs stehen, auf der einen Seite, die biographischen Skizzen und wissenschaftlichen Errungenschaften der drei späteren Nobelpreisträger Paul Ehrlich, Emil von Behring und Robert Koch. Den medizinischen Stars sind fiktive Personen an die Seite gestellt, wie bspw. die verarmte Arzttochter Ida Lenze, durch die auch kultur- und sozialgeschichtliche Aspekte der Medizin nacherzählbar gemacht werden, wie z.B. das Klassensystem ärztlicher Versorgung, die Arbeit und Lebensverhältnisse der Krankenschwestern und Hilfswärterinnen oder auch der Lehralltag in einer Institution wie der Charité. Auch generelle kulturhistorische Aspekte des Kaiserreichs wie die Rolle der Frau, illegale Abtreibung, Antisemitismus und die Organisation der Studentenschaft in Burschenschaften werden aufgegriffen. Und natürlich, wie es sich für eine Krankenhausserie gehört, gibt es jede Menge Klatsch und Tratsch und eine gehörige Portion Amouröses zu sehen.

Die Geschichte der Psychiatrie an der Charité ist in der Serie ausgeklammert. Lediglich in einer Szene war von den „Irren“ kurz die Rede, in jenem Moment nämlich, als Wilhelm II, der dritte amtierende Kaiser des Jahres, dem Krankenhaus einen Besuch abstattet. In Vorbereitung dieses Besuchs wurde das „größte Elend“ im Krankenhaus – gemeint sind unter anderem die sogenannten Irren – verlegt, um dem Kaiser deren Anblick zu ersparen. Es wäre wohl nicht ganz angebracht, den Serienmachern ähnliche Motive für das Aussparen der Psychiatriegeschichte jener Zeit zu unterstellen. Zwar verfügte diese beileibe nicht über die gleichen Starqualitäten wie die klassische Medizin – es gab weder Nobelpreisträger noch bahnbrechende oder gar lebensverändernde Innovationen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass für weitere Handlungsstränge und schlicht kein Raum mehr blieb. Denn Serie strotzt bereits von historischen Details, Charakteren und Themen.
Ein Blick in die Psychiatriegeschichte ist jedoch höchstwahrscheinlich tatsächlich nur verlegt. Denn durch den großen Erfolg der Serie – knapp über 8 Millionen Zuschauer verfolgten die Doppelfolge zum Auftakt am 21. März – ist eine zweite Staffel bereits beschlossene Sache. Diese wird, soviel ist schon bekannt, in der Zeit des Nationalsozialismus spielen. In diesem Fall ist ein weiteres Ausklammern der Psychiatriegeschichte wohl kaum mehr möglich. Immerhin war auch die Charité an der Aktion T4 beteiligt.

Nachdem die Medizin- und Krankenhausgeschichte es also in popkulturellem Gewand in das Abendprogramm des deutschen Fernsehens geschafft hat, wird wohl im nächsten Jahr auch die Psychiatriegeschichte folgen.

Die Folgen der Serie sind in der ARD-Mediathek noch bis Anfang Mai anzusehen. Dort leider nicht mehr vorhanden ist die Dokumentation Charité. Geschichten von Leben und Tod, die im Anschluss an die erste Doppelfolge ausgestrahlt wurde und in 45 Minuten die Krankenhausgeschichte von der Gründung bis zum NS umriss.

 

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