Politik als Psychologie – Horst Eberhard Richter

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Im vergangenen Jahr starb Horst-Eberhard Richter. In Presse-Nachrufen war zu lesen, wie er sich als „Therapeut der Nation“, zeitlebens in „Reflexion und Aktion“ um das Seelenheil der Deutschen gekümmert habe. In der Tat war Richter ein Psychotherapeut, der seinen Beruf als einen notwendigen Bestandteil der Gesellschaft begriff. Sein Leben und seine Arbeit bieten reichhaltiges Material, um die Geschichte der Psychotherapie in einer weiteren Facette zu erforschen.

Seit den 1970er Jahren gehörte Richter zu den Hauptakteuren im psychopolitischen Argumentationsfeld der Bundesrepublik, zunächst in basisorientierten Projektarbeiten wie der Obdachlosenhilfe oder der Kinderladenbewegung und ab 1980 in der ärztlichen Friedensorganisation „International Physicians for the Prevention of Nuclear War“. Richter hatte zunächst in der Familientherapie gearbeitet und zunehmend festgestellt, wie sehr die familiäre Gruppenkonstellation die individuelle Entwicklung beeinflusse. Seine gesellschaftspolitischen Analysen entwickelte Richter schließlich vor dem Hintergrund seiner gruppentherapeutischen Erfahrungen der 1970er Jahre, während der er auch an der Diskussion um die bundesdeutsche Leistungsgesellschaft teilnahm. Nach seiner Sicht beeinflussten gesellschaftliche Bedingungen die Psyche jedes Einzelnen – je widriger diese Bedingungen, desto mehr versuche die Psyche durch Verdrängung und Anpassung in Balance zu kommen.

Sein Engagement in der psychoanalytischen Selbsthilfe einerseits und ab 1980 in der internationalen Friedensbewegung andererseits begründete Richter auch mit seinen persönlichen Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs. In der Rückschau schätzte er seine eigene Bewältigungsstrategien während dieser Zeit angesichts der Gleichzeitigkeit von Tod und Alltagshandlungen als eine Verdrängung seines Selbst ein: „Die Ausschaltung des Gewissens, um das innere Gleichgewicht zu bewahren.“ In seiner philosophischen Doktorarbeit über Schmerz und Leiden von 1947/48 hatte Richter seine Erlebnisse reflektiert und sich auch auf die in der Psychoanalyse einsetzende Diskussion über das dem Fach zugrunde liegende Menschenbild bezogen: Sollte das Heilungsziel eines Psychotherapieverfahrens weiterhin der leidensfreie, heroische oder nicht vielmehr der leidensfähige und Angst anerkennende Mensch sein? Nach der Expansivität der Kriegszeit plädierte Richter umso mehr für das Menschenbild Sigmund Freuds, in dem die Leidensfähigkeit und Anerkennung von Schmerz und Angst im Mittelpunkt standen. Daraus folgerte Richter, einer humanen Psychotherapie müsse es um eine uneingeschränkte Selbst-Anerkennung gehen.

Richters Perspektive auf das in die Gruppe eingebundene und somit die Gruppe stärkende Individuum, unterstrich seine Kritik an den in der Psychologie lange Zeit verbreiteten pessimistischen Einschätzungen von Massenphänomenen. Unter diesem Blickwinkel begründete er auch seine Friedensarbeit. Er glaubte nicht an die zwangsläufig negative Auswirkung der „Masse“ auf das Individuum, das in ihr orientierungs- und kritiklos manipulierbar würde. Vielmehr sah Richter die Lösung der von ihm diagnostizierten massenhaften Friedlosigkeit in einer solidarischen Rückbindung des Individuums an seine soziale Gruppe. Das Individuum in der Gruppe müsse zum Aussprechen seiner Ängste gebracht werden, damit das kollektive Reflektieren die Gruppe verändern könne.

Ausgerechnet zu Beginn der 1980er Jahre, als mit dem NATO-Doppelbeschluss das atomare Wettrüsten weiter zugespitzt wurde, beobachtete Richter jedoch einen nachlassenden Drang zur solidarischen Gemeinschaft, den er als fatale Folge der internationalen Bedrohungslage in Kombination mit einem gesellschaftlichen Klimawandel einschätzte. Die Entsolidarisierung sei zudem durch eine Entwicklung in der Psychoanalyse befördert worden, die Richter in der Gefahr sah, erneut dem leidensfreien Menschenbild Vorschub zu leisten. Wenn es in den 1970er Jahren darum gegangen war, das Ich innerhalb einer demokratischen Gruppe zu befreien, um die Gruppe zu stärken, dann beobachtete er nunmehr eine „starke Ausbreitung einer neuen Ich-Bezogenheit bei gleichzeitiger Verarmung sozialer Beziehungen“. Die Verfahren der Familien- und Gruppentherapie hätten an Attraktivität verloren, weil der Einzelne „wenn er Therapie suchte, im eigenen Selbst stabilisiert werden [wollte]. Gemeinschaftsfähigkeit gehörte nicht mehr zu den unmittelbaren Heilungsvorstellungen“. Jedoch verlange gerade die atomare Bedrohung und die erneute Aufrüstung der Waffenarsenale die Widerstandskraft einer solidarischen Gemeinschaft. Denn das Gleichgewicht des atomaren Schreckens wirke auf jeden Einzelnen und gleichzeitig auf die gesamte Bevölkerung als Gruppe. Eingedenk der Freud’schen Therapieformel konnte nach Richters Analyse nur das stetige Vergegenwärtigen der Bedrohung, wiederholend und durcharbeitend, zu einer Gesundung des Einzelnen in der Gruppe und somit der gesamten Gruppe führen.

Richters Beiträge psychologisierten das Politische und politisierten das Emotionale. Indem Richter als intellektueller Vermittler in der Friedensbewegung die psychische Konstitution einer Gesellschaft unter den Bedingungen einer atomaren Bedrohung reflektierte, wandte er erprobte und eingängige medizinische Erklärungsmodelle an. Die Pathologisierung des gesamten Ost-West-Konflikts wurde zwar von anderen Friedensforschern als zu unterkomplex kritisiert, aber für die Friedensbewegung waren Richters Beiträge eine hilfreiche Popularisierung und Veranschaulichung von Ängsten.

Claudia Kemper

Dr. Claudia Kemper ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH). Sie studierte Neue Geschichte und Politik an der Universität Hamburg und promovierte zur jungkonservativen Ideen- und Mediengeschichte der Weimarer Republik. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt arbeitet sie zu „Ärzte in der anti-atomaren Friedensbewegung – die deutsche Sektion der IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War)

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