Conference: “Gebessert entlassen”. Heilen in der psychiatrischen Theorie und Praxis zwischen 1800 und 1970 – Heidelberg, 6-7 April 2018

A forthcoming conference in Heidelberg will discuss different aspects of the history of the notion of “healing” in 19th and 20th-century psychiatry.

“Gebessert entlassen”. Heilen in der psychiatrischen Theorie und Praxis zwischen 1800 und 1970

Ralph Höger, Dr. Max Gawlich, Prof. Dr Katja Patzel-Mattern, Prof. Dr. Maike Rotzoll, Universität Heidelberg 06.04.2018-07.04.2018, Heidelberg, Karl-Jaspers-Centre

Behandeln, Pflegen und Genesen erscheinen als selbstverständliche Bereiche der psychiatrischen Medizin und stehen im Zentrum der Konferenz. Mit Blick auf einen breiten Zeitraum werden diese klinischen Handlungen von der Entstehung der Anstalten bis zur Reform der Psychiatrie in den 1970ern untersucht. Zu dem Handlungsfeld des Heilens zählen neben den Verfahren der Behandlung, Methoden, mit denen registriert wurde, ob sich eine Heilung oder Besserung einstellte. Die terminologischen Differenzierungen der Heilung, der Remission oder der im Titel genannten Besserung weisen zudem auf den begriffshistorischen Wandel und die zugrundeliegenden normativen sowie ideologischen Verschiebungen, die das Ziel der Heilung determinierten. Die Bemühungen um den Heilerfolg und ihre Legitimation werden in der Psychiatrie allerdings regelmäßig infrage gestellt.

Dies erfolgte zum einen aus den eigenen Reihen, wie die Konjunkturen des sogenannten ‘therapeutischen Nihilismus’ oder die berühmte selbstkritische Rede vom autistisch-undisziplinierten Denken in der Medizin (Bleuler 1919/1921) verdeutlichten. Aber auch PatientInnen, staatliche oder gesellschaftliche KontrolleurInnen stellten das klinische Handeln und die zugrundeliegenden Normen wiederholt kritisch infrage. In dieser Tradition sprechen PsychiaterInnen heute nur noch sehr selten von Heilung. Einer Ideologie der Evidenz verbunden messen sie dagegen bevorzugt Effekte der Remission. Heute dominieren das therapeutische Handeln der Ärzte vor allem gesprächs- und verhaltenstherapeutische Angebote sowie die Gabe von Psychopharmaka. Die Spanne der historischen Behandlungsweisen reichte darüber hinaus von der Fixation, über psychotherapeutische Führung, Arbeiten, Baden, Schlafen und Schleudern, bis hin zur Auslösung von epileptischen Anfällen, chirurgischen Eingriffen oder die Gabe von Chlorpromazin. Aus der Gegenwart heraus stellt sich dazu die historische Frage, was psychiatrisches Handeln, die Feststellung von Verbesserung und die therapeutische Zuwendung eigentlich ausmachten und ausmachen. Was verband diese Therapien, was wurde mit Patienten mit dem Ziel der Besserung getan und welche Krankheiten, professionelle Selbstverständnisse, Patiententypen und Arten der Heilung entstanden im Zuge dieser medizinischen Praktiken? Diese Frage nach der Heilung als übergeordnetes Erkenntnisinteresse ist heuristisch anhand von vier Perspektiven zu konkretisieren. Wie veränderten sich die Begriffe, die zur Beschreibung von Behandlungserfolgen oder ‘Besserung’ der diagnostizierten Krankheit verwandt wurden? Als Beispiel sind die feinen Differenzierungen der Remission anhand der (wieder)erlangten Arbeitsfähigkeit zu nennen, die Max Müller in den 1930er Jahren anlässlich der Schocktherapien verwandte.

Zweitens stellt sich die Frage nach den konkreten therapeutischen Settings. Die Gabe von Tabletten, das Schleudern von Patienten bis zum Erbrechen oder die intensivmedizinische Hervorrufung und Überwachung der Hypoglykämie in der Insulinkomatherapie sind als konkrete Körperpraktiken, als relationale Situationen von Objekten, Personen und Handlungen ebenso zu untersuchen, wie Gesprächs- oder Arbeitstherapie. Diese Ensembles von Menschen und Dingen in Klinikräumen gestalteten den psychiatrischen Alltag. Welche Rolle spielten sie für die Hervorbringung von Krankheit und Heilung?

Die Verfahren der Registratur von Effekten standen komplementär zu den Praktiken des Behandelns. Hier gilt es drittens zu erarbeiten, wie den Differenzen im Verhalten, den Wirksamkeiten oder Effekten Evidenz und Sichtbarkeit verliehen werden konnte, sodass Besserungen, Remissionen und Heilungen festzustellen waren. Viola Balz hat am Beispiel der Neuroleptika die Produktivität dieser Untersuchungsperspektive verdeutlicht. Es gilt insbesondere für das 19. und frühe 20. Jahrhundert danach zu fragen, welche Verfahren der Aktenführung, Erzählung oder instrumentellen Registratur operationalisiert wurden, um Wissen von der Heilung zu erzeugen.

Neben den Praktiken des Behandelns, der Feststellung von Heilungen und Genesung sowie den begriffsgeschichtlichen Entwicklungen von der Besserung zur Remission werden im Rahmen der Konferenz viertens die grundlegenden Normen und Werte untersucht, die hinter den therapeutischen Versuchen und Feststellungen von Wirksamkeiten, stehen. Genauso wie der Krankheitsbegriff ist auch das Heilen immer normgebunden. Welche normativen Annahmen und Zielgrößen unterliegen den therapeutischen Verfahren und Heilungskonzepten? Ist Arbeitsfähigkeit, Kontaktfähigkeit, Krankheitseinsicht oder Unterordnung das Ziel der Behandlung und die Basis der Feststellung von Genesung? Die vier Perspektiven sollen neue Denkrichtungen und Analysewege für den Blick auf das psychiatrische Heilen eröffnen und damit die übergeordnete Frage ermöglichen, welche Stellung die ‘Heilungsgeschichte(n)’ und ihre therapeutische Hervorbringung in der Geschichte der Psychiatrie einnehmen soll(en).

The full programme can be found here: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=36773

[Image credit: Electroconvulsive Therapy Machine, Science Museum London, https://wellcomecollection.org/works/n76whrxq%5D

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