Nachdenken über Josef F. – Annäherungen an Werk und Leben Josef Forsters in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn

Ein Ausstellungsbericht von Maike Rotzoll

Josef Forster am Ziel: Zu sich selbst gekommen, zum Edelmenschentum gelangt, schwerelos kann er „mit großer Geschwindigkeit durch die Luft gehen“. Nicht ohne Grund steht das kleine Bild mit dem „Mann ohne Schwerkraft“ im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung in der Sammlung Prinzhorn, Gravitationszentrum für weitere Werke Josef Forsters (1878-1949) und anderer Patienten-Künstler und, deutlich weniger, -Künstlerinnen, die in der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll in Regensburg gelebt haben.

Forsters „Stelzenläufer“ wurde vor fast zehn Jahren, mit der Gründung des Museums der Sammlung Prinzhorn, zum Logo und Symbol der Sammlung. Kann doch sein Höhenflug als Allegorie auf Künstlerdasein und Außenseitertum gelten – schwebend zwischen den Welten von Himmel und Erde, von Phantasie und Realität, oder auch von Kunst und Wahn: Das liegt im Auge des Betrachters.

Doch Forster schwebte nicht nur – denn um ein Selbstbildnis handelt es sich ganz sicher: Er verlieh sich Gewicht, seiner Person und der Aussage seiner Philosophie. Der leicht geschwungene Horizont seines Bildes wird zur Kulisse, zur Bühne, der Himmel zur Leinwand, vor der Forster agiert und auf der erklärende Schriftzüge erscheinen: So muss man sich beschweren, wenn der Körper kein Gewicht mehr hat. Der Geist hat sich befreit und doch den Realitätsbezug nicht verloren, er will nicht ins Unbestimmte entschweben, sondern die Welt mit seiner Aussage konfrontieren.

Welche Botschaften jedoch enthalten Josef Forsters eigenwillige Werke? Eine einzige Perspektive allein reicht keinesfalls aus, um die Bilder versuchsweise zu entschlüsseln, wenn auch nur wenige überliefert sind. Daher setzte sich im Jahr 2004 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe das Ziel, Forsters Werk von verschiedenen Seiten aus zu kontextualisieren, Inhalte zu erschließen und in einer Ausstellung sichtbar zu machen. Ihre Mitglieder vertraten die Fachgebiete Philosophie, Kunstgeschichte und Kunsttherapie, Psychiatrie, Psychoanalyse und Medizingeschichte. Sie gingen miteinander vernetzt zu Werke, warfen einzeln und mit vereinten Kräften die Netze aus, die Erkenntnisgewinn versprachen. Das Resultat kann nun besichtigt werden: Die Ausstellung „Durch die Luft gehen … Josef Forster, die Anstalt & die Kunst“ ist bis zum 3. April 2011 in Museum der Sammlung Prinzhorn Heidelberg zu sehen. Der Ausstellungskatalog dokumentiert und vertieft neben Forsters Werken und seiner Regensburger Krankengeschichte die sich sowohl ergänzenden als auch einander widerstreitenden Interpretationsansätze der Arbeitsgruppenmitglieder.

BesucherInnen betreten Forsters Welt sozusagen durch die Anstaltspforte. Ein Kabinett auf dem Weg zum Hauptausstellungsraum ist der Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll in Regensburg gewidmet und einer ihrer Besonderheiten: Kunstsinnige Psychiater förderten hier die ihnen begabt erscheinenden Patienten. „Hoch die Arbeitstherapie: Sie erzieht mich zum Genie“ heißt es nicht umsonst in einem der im Eingangskabinett ausgestellten Werke, gezeichnet von Franz Xaver Fuchs im Jahr 1931.

1906 war der Psychiater Adolf Vierzigmann in die 1852 gegründete Regensburger Anstalt eingetreten, die als schlecht und recht an die Anforderungen der Psychiatrie adaptiertes Benediktinerkloster viele reizvolle Blickwinkel, aber auch viel Reformbedarf bot. Er zeichnete selbst, wie in der Ausstellung dokumentiert, und ermöglichte dies auch einigen seiner Patienten. Unterstützt von dem reformorientierten Direktor Karl Eisen sammelte Vierzigmann deren Werke, und so wird er es auch gewesen sein, der im Jahr 1921 wohl auf Hans Prinzhorns Anfrage Werke von Forster und 12 weiteren Regensburger Patienten nach Heidelberg schickte. Eigensinnige, „verrückte“ Bilder schickte er, konventionellere behielt er – dies entsprach wahrscheinlich dem eigenen Geschmack ebenso wie dem Anliegen des anfragenden Kunsthistorikers und Psychiaters, Gestalters der Heidelberger Sammlung.

Schlafsäle, Wachsäle, Speisesäle, lange Flure, Werkstätten, Höfe, Mauern, Zäune, Blick auf die Anstaltskirche – dies also war die Welt, über die Forster mit großer Geschwindigkeit hinweggehen wollte. Dabei hätte er es schlechter treffen können: 1916 war er in die Anstalt aufgenommen worden, nachdem ein Jahr zuvor die Erscheinung der Sonnenjungfrau sein Leben für immer verändert hatte. Im selben Jahr nahm Direktor Eisen seinen Dienst dort auf, aus dem er sich etwa zwei Jahrzehnte später während und wegen der nationalsozialistischen Herrschaft in den vorzeitigen Ruhestand zurückziehen sollte. Forster profitierte von der Reformpsychiatrie der Weimarer Zeit in ihrer spezifischen Regensburger Ausprägung. Er arbeitete in einem eigenen Atelier, sang dort auch Opernarien und konnte mit wenn auch nur vergleichsweise großer Freiheit seine eigenen Ziele verfolgen.

Freiheit, Bewegung, Leichtigkeit und Geschwindigkeit, diese Wünsche und Ziele Forsters verkörpert ein von ihm konstruiertes Fahrrad, das als Nachbau den Mittelpunkt des großen Ausstellungsraumes bildet. Es war zu Zeiten seiner erstmaligen Konstruktion ein Modell für die fast selbsttätige Fortbewegung ohne großen Kraftaufwand, geeignet für den haushohen Nachbau und für die Fahrt über „Land, Meer, Wüsten und Eisfelder“. Die leichte, biegsame Bauweise des Gefährts stammt aus dem Bereich des (Un)möglichkeitssinns, aus dem weit zurückreichenden Traum vom Perpetuum mobile, und doch sind Transportmöglichkeiten, die uns scheinbar mühelos über alle Erscheinungsformen der Erdoberfläche tragen, längst selbstverständlicher Teil unseres Wirklichkeitssinnes geworden.

Nun wird der „Mann ohne Schwerkraft“ jenseits des zentralen, raumgreifenden und transparenten Fahrrads sichtbar. Von den seitlichen Wänden blicken Forsters Selbstbildnisse ebenso wie die von ihm Portraitierten, Mitpatienten und „Med. Dr. Vierzigmann“ als Zuschauer auf die Szenerie. Nur einer der Dargestellten, ein älterer Mann, hält die Augen geschlossen. Von den Rängen der umlaufenden Galerie im Ausstellungsraum der Sammlung Prinzhorn, von oben, wo aktuell Werke von Forsters Mitpatienten seine Werke auf ihre eigene Weise kontextualisieren, kann das Ausstellungspublikum den Blick auf Fahrrad, Portraits und Gemälde durch eine weitere Perspektive ergänzen. Doch hat Forsters Theorie vom Edelmenschen damals seine Mitpatienten erreicht, konnten sie mit den heutigen Besuchern den Blick wenden von dem Fahrrad auf einen Kernbereich der Botschaft des einstigen Tapezierers und Dekorationsmalers, dargestellt in der „Sonnenjungfrau“ und dem „Blauen Wunder der Natur“?

Denn Voraussetzung für die fast schwerelose Bewegung war für Forster das „Edelmenschentum“ – und offenbar spielte die madonnenähnliche, strahlenumkränzte Vision der Sonnenjungfrau in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Gleich dreifach ist sie in der Ausstellung repräsentiert, gegenüber dem „Stelzenläufer“. Einmal erscheint sie allein, im „Blauen Wunder der Natur“ erleuchtet sie Forster und auf der fotografischen Abbildung eines verschollenen Werkes teilt sie als Göttin das irdische Jammertal von der Sphäre der Erwählten: Unter den Verklärten und Edelmenschen befindet sich auch Forster.

Hatte die Sonnenjungfrau Forster also den Weg gewiesen zur Sublimierung seiner selbst? Denn keineswegs war es mit einer einzigen verklärenden Vision getan, sondern ein mühsamer, sicher auch einsam machender Pfad der Autarkie musste beschritten werden. Dieser sehr spezielle Weg war auch im Anstaltsalltag grundsätzlich möglich (wenn auch weitgehend im Verborgenen) und seine geistigen Wurzeln reichten zurück in eine Zeit, in der der die Harmonie der Körpersäfte für die Gesundheit, auch die geistige, fundamental gewesen war: Die kathartische Selbstveredelung nach Forster konnte nur durch Rückführung der eigenen Ausscheidungen in den Körper erfolgen. So nahm er – zeitweise fast ausschließlich – Kot, Sperma und Urin zu sich und hielt den Nasenschleim mithilfe einer Binde zurück, wie sie auch der „Mann ohne Schwerkraft“ zeigt. Die Zirkulation des Schleims in einem „Schleimring“ musste ebenfalls aktiv beeinflusst und aufrecht erhalten werden. Wie in einem alchemischen Prozess mögen die genannten Substanzen auf ihren immer neuen Passagen durch den Körper höhere Reinheitsgrade erreicht haben, jedenfalls sollte die Praktik letztendlich zu einer glockenhellen Stimme und zum Verlust der Schwerkraft führen, äußeren Kennzeichen des erreichten Edelmenschentums.

Hatte Forsters existenzielles Projekt von Sublimierung durch Autarkie und Askese auch zu der Unterschiedlichkeit seiner Selbstportraits geführt, auf denen wohl kaum zufällig die Mund- und Nasenregion besonders betont erscheint? „So oft ich mich Portraittiere sehe ich anders aus manchmal wie ein unschuldiges Kind“, hielt er fest.

Sicherlich nicht alle Geheimnisse geben Forsters Bilder und Aufzeichnungen preis – so verweist die Zeichnung des Motors einer Wiedergeburtsmaschine auf eine religiöse Dimension, ohne Genaueres zu verraten. Und immer wieder wird der Anstaltskontext deutlich, in dem Forster wie die anderen Regensburger Patienten-Künstler verankert bleibt, wenn er sich auch gleichzeitig von dessen Horizont löst, ihn mit seinen großen, fast schwerelosen Luftschritten weit hinter sich lässt.

So ist es stimmig, wenn sich die BesucherInnen der Ausstellung gleichsam erden über einen Gang nach oben, die Besichtigung der Werke anderer Patienten-Künstler auf der Galerie. Besonderer Blickfang ist hier ein zwar phantastischer, aber doch auch realitätsbezogener Plan der Anstalt Regensburg von Franz Kleber aus dem spätern 19. Jahrhundert. Der Abschluss lenkt die Aufmerksamkeit nochmals auf die Patientenperspektive, in doppelter Hinsicht: Unter dem Blick der Portraits von Mitpatienten, die der versierte Maler und Regensburger Insasse Hermann Rehbach hinterließ, beendet man den Rundgang mit dem zweiten Kabinett.

„Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen“ – was Christa Wolf in „Nachdenken über Christa T.“ festhielt, gilt auch für Josef Forster, seine Geschichte und seine Botschaft. Doch die vielfältigen Perspektiven auf sein Werk, die Gegenüberstellungen und Kontextualisierungen im Sinne der Cultural Studies helfen zu verstehen, dass in Forsters Werken nicht einfach Wahnsinn waltet, sondern dass Höhenflüge und Menschheitsträume innerhalb und außerhalb von Anstaltsmauern die gleichen Wurzeln haben.

 

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